>> Archiv

94. Katholikentag Hamburg 2000

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Juni 2000, Nr. 129, Seite 10

Beten mit Leib und Seele
Ein Kurs für Analphabeten / Von Viola van Melis
Hamburg, 4. Juni. Ein Kurs für Analphabeten auf dem Katholikentag, für Menschen, die ihre Sprache nicht lesen können. Worte gemacht werden viele, aber was ist mit der Sprache des Körpers? Katholiken knien. So viel ist bekannt. Protestanten sitzen meist, Buddhisten liegen, Muslime werfen sich zuweilen nieder. Religiöse Menschen beten nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem Körper. Leib und Seele wollen eins sein. Doch was die zahlreichen Gesten und Gebärden bedeuten, was sich ausdrücken und erfahren ließe, darüber herrscht selbst unter Katholiken wenig Kenntnis.
Nur eine Minderheit traut noch der Überlieferung, bekreuzigt sich beim Betreten des Gotteshauses, faltet die Hände zum Gebet. Manch einer verlässt christliches Terrain und wendet sich, beseelt vom Wunsch nach der Wiedervereinigung von Geist und Körper, Religionen zu, die Ganzheitlichkeit nicht verlernt haben.
Auch auf dem Hamburger Katholikentag spiegelten sich die spirituelle Sehnsucht und die Suche nach authentischen Ausdrucksformen wider. Regen Anklang fanden Angebote, die die gewohnte wortreiche Herangehensweise pflegten, Bibelarbeit oder Gespräche über Berufung etwa. Große Besucherzahlen auch beim meditativen Tanz, einer Form der Glaubenserfahrung in der Gruppe, die den Rhythmus vorgibt und den Gläubigen nicht unbedingt mit Gott allein lässt. Ganz im Sinne des schönen Augustinus-Satzes: —Leute lernt tanzen, sonst können die Engel mit euch im Himmel nichts anfangen."1
Streng geistliche Praktiken dagegen fanden nicht immer Zuspruch, wie die Übungen zur ignatianischen Spiritualität, die den Gottsucher alleine auf einen zunächst harten Weg der Konfrontation mit der Wirklichkeit schicken, bevor er vielleicht Orientierung erfährt. Berührungsängste dagegen bei einem Workshop —Gebetshaltungen". Wer langsam anfangen wolle und nicht gleich den ganzen Körper ein-
setzt, achte auf des Gesicht, so die erste Lektion für die
Teilnehmer. Die Augen offen, nach vorne gerichtet, mit Blick in die Zukunft, das sagt vielleicht herausfordernd: —Ich erwarte dich, Gott. Zeig, dass du da bist." Den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen, alle Aufmerksamkeit nach innen gerichtet: eine Haltung, die die Suche nach Gott im Ich erleichtern mag oder aber Furcht signalisiert vor einem, der mehr Macht hat. Die Ausdrucksformen der Hände, eine Welt für sich. Denn Hände, so schien es den Kursteilnehmern, seien ein Spiegel der Seele. Sie können schlagen, sich zur Faust ballen, auffahren oder drohen, beschwören, schmeicheln, streicheln oder erschlaffen. Warum nicht im Gespräch mit Gott genauso wie in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen? Dann täten sich Gläubigen neue Dimensionen in der Beziehung zu Gott auf, lautete die Erkenntnis. Die Aussagekraft der gefalteten Hände, die zu den letzten noch bewusst eingesetzten Gebärden im Gottesdienst zählen, erschien in diesem Licht plötzlich dürftig und beschränkt.
Die abgewetzten Knie, an denen früher dem Volksmund nach die Katholiken zu erkennen waren, könnten auch heute noch Verborgenes enthüllen, so die letzte Einsicht beim Kurs für Körpersprache. Auch wenn Stehen, Sitzen oder Knien in der Vergangenheit oft theologisch überladen worden seien und später strenge Vorschrift wurden. Dem modernen Menschen auf Gott-und-Ich-Suche könnten auch diese Formen zur Sprache seiner Seele werden. Wer vor Gott stehe, können Ehrfurcht vor dem Höheren oder aber Freude nach durchstandener Angst ausdrücken.
Wer sitze, höre vielleicht besonders aufmerksam zu. Wer knie, bringe seine menschliche Kleinheit zum Ausdruck. Voraussetzung sei aber, dass für solche Bedeutungen ein Bewußtsein bestehe. Symptomatisch nur, dass selbst dem Teilnehmern wie dem Kursleiter der Mut fehlte, sich Körpersprache nicht nur mit Worten, sondern mit praktischen Übungen zu nähern. Furcht erregend scheint die Freiheit, Gott so direkt anzusprechen.

1 Anm. der kirchentanz.de-Redaktion: Dieser Satz stammt definitiv nicht von Augustinus und ist überdies aus anderer Quelle falsch zitiert.