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Bericht  vom Symposium der Christlichen Arbeitsgemeinschaft Tanz im Kloster Schöntal
Abdruck in der Zeitschrift "Gottesdienst" 34 (2000), 32,  vom 2. März 2000

Zwischen Tradition und Körperarbeit
Symposium der Christlichen Arbeitsgemeinschaft Tanz 

Alle zwei Jahre lädt die Christliche Arbeitsgemeinschaft Tanz zu ihren Symposien ein. Über einhundert christlich orientierte Leiterinnen von Tanzkreisen, Pfarrerinnen und Pfarrer, Gemeindepädagogen und Kirchenmusiker folgten vom 6. bis 9. Januar der Einladung ins fränkische Kloster Schöntal, um Liturgien zu feiern, darin zu tanzen und über eine bewegte Liturgiegestaltung nachzudenken. Die Themenstellung: Der dem Wechsel der Zeit sichere Ordnung gab Tanz und Leibarbeit in der All(e)tags-Liturgie, bewegend heilsam" beabsichtigte, die Schätze kirchlicher Traditionen mit heutiger Körperarbeit und liturgischem Tanz in ein Gespräch" zu bringen, so der Einladungsprospekt, wobei man vor allem zur Teilnahme an verschiedenen Liturgien einlud. Die spirituell-therapeutisch ausgerichtete Vereinigung Kairos aus München präsentierte Beispiele ihrer liturgischen Praxis, die sich vor allem aus ausgewählten, besonders sinnenhaften Elementen traditioneller Liturgien zusammensetzt: Weihrauchspende, Lucernar, Fußwaschung, Ikonenverehrung, dazu gesungene Rezitationen und Tänze, jeweils unter der Einbeziehung aller Mitfeiernden. Ebenfalls eine sinnenhafte und leiblich bewegte Morgenliturgie bot der evangelische Kirchenmusiker Hans-Jürgen Hufeisen an. Darin bildeten eine umfängliche Engel-Symbolik und moderne Kirchentagslieder eine wohl dem Zeitgeschmack genehme Synthese. Ganz anders, fast archaisch und inbrünstig berührend, wirkte das Erlebnis der von einer Abordnung der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde Süddeutschlands traditionell gesungenen und getanzten Weihnachtsvesper. Hier konnte man darüber staunen, wie ungemein vital sehr alte liturgische Traditionen auch von jungen Menschen gefeiert werden und dabei ganzheitlich ergreifend sein können. 
Wenn auch alle drei Feiern keine Modelle für Alltagsliturgien von Gemeinden oder Gemeinschaften sein konnten, so standen die beiden neuen Rituale einerseits und die ganz alte äthiopisch-orthodoxe Liturgie andererseits charakteristisch für unsere Zeit in ihrem Umgang mit Liturgie: Emanzipiert vom Traditionellen entstehen neue Feierformen, die unbefangen nach den Schätzen der Traditionen suchen. So bestand die faktische Thematik der Tagung in der Frage nach unserer weithin verlorengegangenen und erst wiederzuentdeckenden Fähigkeit des Umganges mit den liturgischen Traditionen. Was können, was wollen wir noch oder schon wieder? Wie aufgeklärt" oder wie elementar soll unser Gottesdienst sein? Nähren uns besser die amtlichen Liturgien oder sinnenhafte neue Rituale? Hier blieben weit mehr Fragen, als Antworten aufgezeigt werden konnten. Daß aber der leibliche Ausdruck und der Tanz in den künftigen Liturgieformen unabdingbar sein werden, darüber sind sich die Engagierten ebenso einig wie sicher. Nahezu sämtliche neue Liturgien weisen Tanz auf. 
Bei der Betrachtung dieser Veranstaltung stimmt nachdenklich, daß ein solch intensives Arbeiten an der Liturgie wie in diesem Symposium leider fast vollständig an den Liturgiekundlern vorbeiläuft. Dringlich scheint dagegen ein beidseitiges Voneinanderlernen zwischen Liturgie-Gestaltenden und -Lehrenden, so daß Altes verstanden und daraus Neues organisch wachsen kann.

Gereon Vogler ©